Freestyle Libre 2

by Saskia Kaup

Endlich gibt es das Freestyle Libre 2 für alle, die es haben wollen. Anfang Dezember 2018 kam es schon auf den deutschen Markt, jedoch nur für Kunden, deren Krankenkasse schon zuvor das Libre genehmigt hatte. Jetzt ist es endlich auch für alle anderen erhältlich. Ich habe allerdings mein Testpaket, mit dem neuen Lesegerät und zwei Sensoren, schon in der Weihnachtszeit erhalten und möchte euch in diesem Beitrag von meinen Eindrücken und Erfahrungen mit dem Freestyle Libre 2 berichten.

Was ist neu beim Freestyle Libre 2?

Das Libre 2 bringt eine neue Alarmfunktion mit sich. Einen Alarm für hohe Werte, einen für niedrige Werte und einen für den Signalverlust. Alle Alarmgrenzen sind selbst definierbar in den Einstellungen des Menüs. Der niedrige Alarm darf zwischen 100mg/dl – 60mg/dl eingestellt werden und der hohe Alarm zwischen 120mg/dl – 400mg/dl. Einzelne Alarme können natürlich auch komplett abgeschaltet werden. Außerdem verspricht Abbott eine Verbesserung im Bezug auf die Genauigkeit der Glucosewerte und präsentiert die neue Libre-Generation mit einem blauen, statt schwarzen Lesegerät.

Alles andere ist geblieben

Die Maße des Lesegerätes und der Sensoren sowie die Setzweise der Sensoren – alles wie beim altbekannten Freestyle Libre. Leider ist auch das Touch-Display geblieben. Hier blieb die von vielen gewünschte Verbesserung aus. Also jeder der schon zuvor mit dem FGM-System vertraut war, wird sich auch schnell mit dem Upgrade sicher fühlen.

Die neuen Alarme

Nachdem ich den ersten Sensor gesetzt hatte, habe ich mich zuerst mit den Alarmen beschäftigt. Meine Grenzen lagen bei: Niedriger Glucosewert 70mg/dl, Hoher Glucosewert 200mg/dl und Signalverlust eingeschaltet. Jedoch muss man jeden Wert trotzdem scannen. Also sobald ein Alarm erscheint, steht auf dem Display: “Alarm, hoher Glucosewert. Möchten Sie den Sensor jetzt scannen?” Anschließend kann man den Alarm weg klicken oder den Wert scannen. Erst dann erfährt man den genauen Glucosewert. Das Lesegerät hat für die Alarmübermittlung eine dauerhafte Bluetoothverbindung zum Sensor, die innerhalb einer Reichweite von 6 Meter funktioniert. Ist das Lesegerät weiter entfernt oder so wie ich die Erfahrung gemacht habe, eine tragende Wand dazwischen, erscheint der Alarm “Signalverlust”.

Alarmtöne

Die Alarmtöne sind genau hinterlegt, man kann lediglich die Lautstärke variieren zwischen laut, leise und nur Vibration. In dem eigebundenen Video hört man die lauteste Lautstärke, im Weihnachtsmarktgetummel. Auf jeden Fall laut genug. Ich bin immer auf die Alarme aufmerksam geworden und auch nachts davon wach, selbst als das Lesegerät in einem anderen Raum lag.

Doch mir persönlich fehlt eine weitere Einstellungsmöglichkeit, die es mir möglich macht, den Ton beim scannen aus zu machen. Entweder ist alles an, alle Alarme und der Scan-Ton (bei jedem Scan!) oder es ist alles aus oder auf Vibration. Dann bin ich zwar im Alltag wieder diskret unterwegs, aber auch ohne Alarme. Für mich ist das ein Nachteil, weil es bei mir sowieso immer piept. Da muss nicht auch noch jeder einfache Scan die Aufmerksamkeit auf mich lenken, oder?

Alarmwiederholungen

Jetzt kommen wir leider zu einem, für mich persönlich, sehr großen und ausschlaggebenden Nachteil. Es gibt keine definierbare Alarmwiederholungen. Angenommen ich bekomme den Alarm “hoch” und scanne einen Wert von 230mg/dl. Anschließend spritze ich eine Korrektur und hoffe natürlich in meinen Zielbereich zu kommen. Das passiert jetzt aber nicht – weil warum auch immer. Dann möchte ich persönlich einen erneuten Alarm. Ein Alarm der mich darauf hinweist, dass ich doch nochmal korrigieren sollte. Diesen gibt es aber nicht. Ich müsste erst wieder in meinen Zielbereich kommen und wenn ich dann wieder zu hoch oder niedrig bin, kommt ein Alarm.

Eigene Alarmwiederholungen durch Erinnerungsfunktion

Man kann sich das jedoch selbst einrichten, indem man sich eine Erinnerung einstellt, nach einem gescannten, beispielsweise zu hohen Wert, um so darauf aufmerksam zu werden, ob die Korrektur gewirkt hat, oder nicht.

Die Genauigkeit des Freestyle Libre 2

Bevor ich an dieser Stelle auf die Genauigkeit eingehe, möchte ich euch zuerst noch meinen ersten Artikel über die Freestyle Libre Genauigkeit verlinken, indem ich außerdem den Unterschied zwischen Gewebe- und Blutzucker und die Zeitverzögerung thematisiert habe. Es ist nicht nur wichtig, dass man ein FGM-System hat, sondern auch, dass man weiß, welche Werte man dort angezeigt bekommt, woraus die Trendpfeile resultieren und wie man mit der gesamten Glucosekurve umgeht. Wer sich an diesem Punkt jetzt unsicher fühlt, sollte auf jeden Fall nochmal eine Schulung in der eigenen diabetologischen Praxis machen, um anschließend die neuen Messsysteme, egal ob FGM oder CGM, auch zu seinem eigenen Vorteil nutzen zu können.

Blutzucker vs. Gewebezucker

Ich habe den Freestyle Libre 2 Sensor am Oberarm und den Dexcom G6 Sensor am Bauch getragen. Die blutigen Werte sind mit dem Accu Chek Aviva Connect gemessen.

Zeit

Blutzucker

Dexcom G6

 Freestyle Libre 2

10:25

193

175 →

145

11:00

192

174 →

154

13:45

126

118 →

97 ↘︎

15:00

172

167 →

132 ↘︎

17:20

134

129

103

19:15

99

102 ↑

113 →

21:30

231

242 ↘︎

198 ↘︎

Das hier Abweichungen sind ist selbstverständlich. Von Bedeutung wird es für mich erst, wenn ich aufgrund der Werte unterschiedliche Therapieentscheidungen treffe. Am Morgen erkennt man zum Beispiel, dass ich mal wieder Kaffee mit Milch getrunken habe. Je nachdem wann ich den trinke, ist es in meinem Alltag ganz unterschiedlich ob ich für das bisschen Milch Insulin benötige oder nicht. Bei einem Wert von 192mg/dl kann ich locker 1 IE vertragen, bei einem Wert von 154mg/dl lasse ich es weg.

Mein Empfinden zu der Genauigkeit

Auch im weiteren Verlauf sind mir solche Unterschiede aufgefallen, aber ich will mich nicht an ein paar Differenzen und Insulineinheiten aufhängen. Jedoch bestätigt das auch meine vorherigen Erfahrungen, die ich gemacht habe, als das Freestyle Libre noch zu meiner eignen Therapie zählte. Für den Moment ist das natürlich nicht schlimm. Doch auf Dauer, werden aus 2 Einheiten später 4 Einheiten und aus 4 Einheiten dann 6 Einheiten. Das ist letztendlich Insulin welches mir fehlt und sich erst bei der nächsten HbA1c Kontrolle bemerkbar macht. Hier war damals mein Beweggrund mich von dem Libre zu trennen und auf ein CGM-System zu wechseln. Aber meine Erfahrungen treffen keineswegs 1:1 auf euch zu. Jeder muss selbst herausfinden, welches System das beste für die eigene Therapie ist und dabei hilft nur: ausprobieren!

Wann soll man einen Wert nachmessen?

Letztendlich ist es immer unser Ziel, so wenig wie möglich blutig zu messen. Das kostet Zeit und Aufwand, die wir in Zeiten der FGM/CGM-Systeme nicht mehr aufbringen wollen, aber leider ist nicht jedes System zulässig Therapieentscheidungen aufgrund der Glucosewerte zu treffen. Deswegen muss auch beim Freestyle Libre 2 nachgemessen werden.

Es gibt Situationen, in denen eine zusätzliche Prüfung Ihres Glukosewertes mittels Fingerstich und Blutzucker-Messgeräts erforderlich ist. Dies ist der Fall in Situationen mit sich schnell ändernden Glukosespiegeln, weil dann die Glukosewerte in der Gewebeflüssigkeit die Blutzuckerwerte eventuell nicht genau widerspiegeln, wenn der Trendpfeil Ihnen eine Hypoglykämie oder eine anstehende Hypoglykämie anzeigt; oder wenn Ihr Befinden / Ihre Symptome nicht mit den Messwerten des Systems übereinstimmen. (Abbott)

Pflaster & Tragekomfort

Absolutes Highlight! In dieser Kategorie kann kein anderes System mithalten. Für mich. Es ist der kleinste, flachste und diskreteste Sensor, der die Gewebeglucose ermitteln kann. Und ich zähle auch zu den Glücklichen, die nicht auf das Pflaster oder den Klebstoff reagieren. In diesem Bereich hat sich der Sensor auch nicht verändert. Das bedeutet allerdings auch, dass diejenigen die schon auf das erste Libre reagiert haben, auch jetzt wieder reagieren würden.

Signalverlust oder keine Messwerte verfügbar?

Ein Signalverlust kann zwei Sachen bedeuten. Einerseits, wenn das Lesegerät außer Reichweite ist und andererseits, dass aktuell keine richtigen Messungen verfügbar sind. Der Dexcom kennzeichnet das durch zwei unterschiedliche Alarme (erst seit dem Dexcom G6), der Freestyle Libre nicht. Dabei kann es das. Ich habe dafür einen Selbstversuch gemacht, weil ich keine aussagekräftigen Informationen darüber gefunden habe. Dafür musste der niedrige Alarm aus gestellt sein, der hohe Alarm an und der Signalverlust ein. Dann habe ich den ablaufenden Sensor, am letzten Tag rausgerissen und in 30cm Abstand zum Lesegerät belassen. Nach 26 Minuten kam der Alarm “Signalverlust”. In diesem Moment war der Sensor in Reichweite, aber er hat gemerkt, dass keine ordentlichen Messungen mehr verfügbar sind. Ich habe anschließend den abgerissenen Sensor gescannt und die Meldung bekommen: “Sensorfehler. Glucose-Messwert ist nicht verfügbar. Bitte wiederholen Sie den Scan in 10 Minuten.” – Top!

Mein persönliches Fazit & Feedback

Ich habe mich bewusst gegen das Freestyle Libre entschieden, aufgrund der Genauigkeit und auch, wenn es nun Alarme gibt, ist es noch kein CGM-System und bietet mir persönlich nicht die Vorteile, die ich aktuell genieße. Jedoch ist meine Meinung an dieser Stelle auch vollkommen egal. Ich betone immer wieder, dass jeder für sich selbst entscheiden soll, welche Hilfsmittel am besten in die eigene Therapie, zum Alltag und den individuellen Bedürfnissen passen. Ihr könnt euch auch in eurer Praxis alle CGM- und FGM-Systeme zeigen lassen und dann alle Vor- und Nachteile der Systeme in einer Liste festhalten und anschließend entscheiden, was am besten zu euch passt.

Würde ich das Freestyle Libre 2 weiterempfehlen?

Ja! Ganz klar. Nur weil es mir nicht in den Kram passt, heißt das noch lange nicht, dass andere damit nicht super gut zurecht kommen. Ich freue mich für jeden, der von dem Libre-Update und den Alarmen zukünftig profitieren wird und drücke euch die Daumen, dass direkt im April die App zum scannen raus kommt.

Feedback

Für das nächste Update würde ich mir wünschen, dass unsere Meinung mehr berücksichtigt wird. Schon seit der ersten Generation bemängeln wir das Touch-Display. Wer nutzt denn das integrierte Tagebuch, wenn es viel zu lange dauert dort etwas einzutragen? Das geht definitiv besser. Ebenso bei den Alarm-, Wiederholungs- und Toneinstellungen sollten mehr Möglichkeiten bestehen, um die Nutzung des Freestyle Libre, nach den eigenen Wünschen in den Alltag integrieren zu können. Wo die dauerhafte Verbindung schon besteht – sollte es direkt ein CGM werden? Ich kann mir vorstellen, dass sich das die meisten Anwender wünschen, aber der Scan als aktiver Messvorgang ist für viele Menschen und gerade bei Kindern mit Diabetes ein wichtiger Bestandteil der Diabetestherapie. Deswegen hoffe ich, dass die Systeme so vielseitig und unterschiedlich bleiben wie sie sind – so findet jeder das richtige für sich selbst.

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2 comments

Felix 03.03.2019 - 9:28

Guter Text, dem ich mich mit meinen Erfahrungen mit den FSL2 nur zustimmen kann. Die Alarmfunktion ist auf jeden Fall noch verbesserungsfähig, aber auch jetzt schon sehr nützlich und hilfreich. Die Zeit im Zielbereich hat sich dauerhaft um gut 5% verbessert.
Ein großer Nachteil ist unerwähnt geblieben: der Sensor ist nur mit dem Lesegerät zu scannen und nicht (wie FSL1) mit dem Mobiltelefon. In vielen Fällen ist es praktisch schnell mal ohne das Lesegerät den Wert zu sehen, etwa wenn es gerade im Rucksack verpackt ist oder für den kurzen Gang zum Bäcker daheim geblieben ist. Man muss also immer ein zusätzliches Gerät griffbereit in der Tasche haben und dafür ist das Lesegerät nur schlecht geeignet, da der Knopf häufig unabsichtlich in der Tasche gedrückt wird und das Display aktiviert (aufgrund der ständigen Bluetooth-Verbindung ist die Batterielaufzeit im Vergleich zum FSL1 auch so schon auf 25% geschrumpft).

Dennoch, der FreeStyle Libre 2 ist eine gute Entwicklung und eine Empfehlung. Der “Formfaktor” und Tragekomfort bleibt unübertroffen. Einige der beschriebenen Kleinigkeiten lassen sich sicherlich mit einem nachträglichen Update beheben.

Reply
Marcus 04.03.2019 - 9:39

Hallo Saskia,
ich finde , CGM darf man sich als FGM erst dann nennen, wenn die Werte auch genauer würden und sich damit den Namen CGM echt verdienen. Derzeit finde ich hat es Abbott verpennt, hier im Rennen um die Genauigkeit aufzuholen, denn das ist doch eigentlich für uns alle ein extrem wichtiger Punkt für Therapieentscheidungen. Und dazu ist das Abbott FGM nach wie vor , offiziell , nicht geeigent. Die MARD Vergleiche der Messgenauigkeiten würden mich noch interessieren, ob wirlich die Genauigkeit verbessert wurde oder nur das Marketing, die habe ich aber dazu noch nicht gefunden. LG,m

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