Worte und Gedanken – Stay positive

by Saskia Kaup

Stay positive können doch am besten die Menschen sagen, deren Betazellen einwandfrei Insulin produzieren, nicht? Und manchmal kann man es einfach nicht mehr hören. Ähnlich geht es mir bei den Worten: “Gemeinsam schaffen wir das schon”. Dabei kommt in mir ein geballter Haufen negative Gefühle auf. Nachdem ich meinen Diabetes zuvor jahrelang nicht akzeptiert habe, wirken diese Worte fast wie Vorwürfe auf mich und um irgendwie auch damit umgehen zu können, habe ich mir viele Gedanken gemacht – oder sogar machen müssen. Vielleicht ist es stigmatisierend, aber von Diabetikern fühle ich mich grundsätzlich besser verstanden. Objektiv ist das vielleicht gar nicht der Fall, aber subjektiv ist das so. Punkt. Auch von bestimmten Freunden zu hören “Ich bin stolz auf dich” oder “Sassi, nimm dir mal wieder Zeit für dich” ist für mich effektiver als dieses “Gemeinsam schaffen wir das schon”.

Diabetes gemeinsam

Jetzt mal ehrlich. Diabetes, gemeinsam? Vielleicht habe ich mit diesen Worten schlechte Erfahrungen gemacht. Keine Ahnung, aber wenn meine Mama mir damals was von gemeinsam erzählt hat, war ich doch am nächsten Tag in der Schule wieder alleine und am Wochenende auf der Party, war sie auch nicht da. Also immer wenn mir jemand was von gemeinsam erzählen möchte, baut sich eine kleine Mauer um meine Persönlichkeit auf, die das Wort Gemeinsam und die Definition davon vollkommen in Frage stellt. Geht das auch präzisier? Ich meine, klar kann niemand 24/7 mit mir zusammen meinen Diabetes versorgen und sehr wahrscheinlich will ich das auch gar nicht, aber nur ich bin diejenige die sich abends vor dem schlafengehen Gedanken darum macht, wie mein Blutzucker ist. Da gibt es kein gemeinsam.

Daraus entwickelten sich bei mir auch wirklich negative Gedanken. Zum Beispiel kann ich mich an Situationen erinnern, wo ich beim Diabetologen saß und mir grundsätzlich die Frage gestellt wurde: “Saskia wieso misst du denn nicht?” Mal ganz davon abgesehen, dass ich gar keine Antwort darauf wusste, hätte ich demjenigen am liebsten erwidert, dass er doch gar kein Diabetes hat und gar nicht wissen kann wie das ist. Manchmal möchte ich meinem Gegenüber einfach eine patzige Antwort entgegen bringen – aber dann muss ich mich sammeln und nachdenken – und genau über diese Situationen habe ich zu lange und viel zu viel nachgedacht.

Wie geht man am besten damit um?

Was man hören will, was man nicht mehr hören kann…

Die Person, die mir irgendwas zu meinem Diabetes sagen möchte, weiß sehr wahrscheinlich gar nichts über Diabetes, oder insbesondere über Typ 1. Vielleicht ist es aber auch ein Freund, der doch Bescheid weiß über meine Erkrankung. Jedoch bedeutet das noch lange nicht, dass dieser Freund etwas über mich und meinen Weg weiß, den ich mit meinem Diabetes schon zurück gelegt habe. Und erst recht nichts, über diese Gefühle, die in mir hervorgerufen werden und am liebsten ein blödes Kommentar raushauen möchten.

Natürlich gibt es immer Situationen die aus dem Rahmen fallen, aber mittlerweile lasse ich das gesprochene Wort nicht mehr so sehr an mich heran. Ich lasse mir nicht irgendwelche Süßigkeiten verbieten oder mir Diätratschläge geben. Ich weiß, dass ich mich nicht rechtfertigen muss und dann schaue ich mir die Situation aus einer anderen Perspektive an.

Mit wem spreche ich?

Warum hat mein Gegenüber dieses Kommentar erwähnt? War es wirklich nur ein gut gemeinter Ratschlag mit mangelndem Hintergrundwissen? Zeigt derjenige Interesse darüber aufgeklärt zu werden? Hat derjenige eventuell Interesse an meiner Person und meinem Wohlbefinden? Erst dann kann ich mich auf das Gespräch einlassen, ohne mich persönlich angegriffen zu fühlen. Vielleicht kann ich demjenigen etwas über Diabetes beibringen oder falsche Informationen richtig stellen. Vielleicht kann ich auch das Gemeinsam durch Unterstützung ersetzen. Schließlich ist es aber auch egal in welche Richtung sich das Gespräch entwickelt, wenn ich mir immer wieder selbst sage, das dass kein persönlicher Vorwurf war. Es ging um den anderen. Meinem Gegenüber und nicht um mich. Mit diesem Bewusstsein schaffe ich für mich selbst eine beschützende Distanz und keinen Raum mehr für negative Gefühle, die mir den Schlaf rauben.

Wie oft setzen wir uns mit Kommentaren und der Unwissenheit anderen Menschen auseinander? Warum sollten wir uns vor dem schlafengehen darüber Gedanken machen? Tut das der andere auch? Ich denke nicht. Also ich mittlerweile auch nicht mehr und ich hoffe ihr auch nicht – und so lässt es sich für mich immer noch am besten mit diesen negativen Gedanken umgehen, die trotzdem existieren und präsent sind auch wenn vielleicht nur Menschen mit Diabetes sie untereinander kommunizieren und verstehen.

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5 comments

Lisa 17.02.2016 - 16:18

Ein wundervoller Beitrag, sooo toll geschrieben, dass ich jedes einzelne Wort genau so unterschreiben würde. Ich würde jedoch von mir behauptenl, dass ich mich selbst aus dem “Geimsam” ausschließe. Wenn mir jemand mit Diabetes und “gemeinsam” kommt, denke ich “ja, mach du mal, ich bin dann mal raus” und andere machen sich oft mehr Sorgen um meine Werte. Ich kann das alles manchmal sehr gut ausblenden.
:*
Herzlichen Glückwunsch noch mal zu deinen Prüfungen und – wundertolles Foto <3

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Sassi 18.02.2016 - 5:51

Hey
Irgendwie muss ich sogar zugeben, dass ich eigentlich gerne hören möchte, “Wir schaffen das gemeinsam”. Enttäuschend finde ich nur, dass mir dann doch keiner den Diabetes abnehmen kann und dann ist es zeitgleich deprimierend und demnach will ich gar nichts von dem Gemeinsam hören..
Noch mal Dankeschön und das Foto ist ja für deine Aktion :*

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Beate 17.02.2016 - 22:06

Gut geschrieben Sassi :)

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Sassi 18.02.2016 - 5:39

Vielen lieben Dank :)

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Mel 19.02.2019 - 22:26

Ein toller Einblick über die Gefühle . Und sicher bist du da nicht die Einzige Typ I erin die so fühlt/ denkt. Das gibt einen ganz anderen Blickwinkel mit dem Umgang mit meinen Patienten. Danke für deine ehrlichen Worte

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